Bildung statt BMW

Welche Mutter möchte ihre Prinzen nicht „glücklich“ machen? Welcher Vater will seine kleine Prinzessin nicht jeden Tag mit einem Lächeln sehen. Vermutlich möchten das alle Eltern. Doch wie gut kann es sein als Eltern den eigenen Kindern alle Wünsche zu erfüllen damit sie „glücklich“ sind?

Der heutige Beitrag kann und soll nicht aus der Perspektive eines Elternteils, sondern vielmehr aus der Perspektive eines „Kindes“ geschrieben werden. Denn während ich offensichtlich keine Erfahrung als Vater habe, kann ich doch mit Sicherheit nachträglich sehr gut beurteilen, welcher Teil der Erziehung meiner Eltern gut für mich war und was meine Eltern ausgehend von meiner persönlichen Retrospektive vielleicht besser als andere gemacht haben. Aber alles Schritt für Schritt.

Part I Sie tun alles für uns!

Zunächst einmal sei gesagt, dass unsere Elterngeneration aus meiner Sicht eine besondere Mentalität hat, die wir in den nachfolgenden Jahrgängen vermutlich nicht mehr sehen werden. Wenn ich meine eigenen Eltern, Tanten, Onkels, aber auch die Eltern von Freunden beobachte, habe ich manchmal das Gefühl, dass sie sich am liebsten eine Niere ausreißen und sie ihren Kindern schenken würden, um ihnen alles zu geben, was sie zu brauchen scheinen. Geschuldet ist das vielleicht der Zeit und den Umständen, in denen sie selbst aufgewachsen sind. Es für die eigenen Kinder besser machen, als man es selbst hatte. Daran ist aus meiner Sicht nichts verwerflich, denn schließlich handelt es sich um das eigene Fleisch und Blut, dass man seit Jahren aufzieht, erzieht, beschützt und versucht auf die eigenen Beine zu stellen. Aber genau da liegt der Haken. Die Frage ist nicht, ob es gut ist nur das Beste für die eigenen Kinder zu wollen, sondern viel mehr was das Beste sein könnte und wie es erreicht werden kann.

Part II Was ist gut für ein Kind?

Was das Beste für ein Kind ist kann lange diskutiert werden, ohne eine vollständig akzeptierte Lösung gefunden zu haben. Damit wir uns im Rahmen dieses Artikels mehr auf das „Wie“ konzentrieren können, möchte ich hier meine eigenen Definitionen vornehmen: Meiner Meinung nach ist es gut für Kinder, dass sie früh lernen selbstständig zu sein, ihre eigenen Ideen und Vorstellungen für ihr Leben entwickeln, einen eigenen Willen aufbauen und sich so früh wie möglich von den Vorstellungen älterer Generationen emanzipieren, um ihre eigene und möglicherweise die Zukunft unserer Gesellschaft gestalten zu können. Gleichzeitig halte ich es für enorm wichtig, dass Kinder ihre Verbundenheit zur Familie behalten, um die Wertschätzung für den Kern nahezu aller menschlicher Gesellschaften – die Familie – nicht zu verlieren.

Part III Was viele Eltern richtig machen.

Einige von uns kennen das bekannte Buch „Rich Dad – Poor Dad“, in dem es um die finanziellen Entscheidungen und Verhaltensweisen von Wohlhabenden und weniger wohlhabenden Menschen geht. Was ich bei vielen meiner Freunde feststellen konnte, deren Eltern beispielsweise erfolgreiche Akademiker, Ingenieure, Mediziner etc. sind, war folgendes: Sie ermöglichen ihren Kindern ein angenehmes Leben, während sie ihnen die Freiheiten geben eigene Pfade zu testen. Gleichzeitig jedoch zeigen sie ihnen Wege auf, stellen Kontakte her oder unterstützen in manchen Fällen finanziell, um ihren Kindern auf dem Weg zu einem selbstständigen und erfolgreichen Privat- und Berufsleben zu verhelfen. Denn schließlich haben sie selbst dieses Stadium in ihrem Leben schon durchlaufen und wissen worauf es ankommen kann. „Rich Dad“ kann in diesem Zusammenhang mehr als nur ein Geldgeber sein. Viel mehr ist er reich an Erfahrungen und kann diese als guter Ratgeber an seine Kinder weiterreichen. Diese Eltern ihre Kinder nicht um jeden Preis, sondern helfen ihnen bei der richtigen Denkweise, hilfreiche Gewohnheiten und zeigen ihnen bewusst oder unbewusst die notwendigen Schritte auf dem Weg zum „erfolgreichen“ Leben.

Part IV Was machen andere Eltern anders? 

Ich möchte das nicht verallgemeinern, aber gerade bei Eltern, die aus weniger wohlhabenden Verhältnissen gekommen sind, sich aber selbst ein gutes Leben aufgebaut haben, sehe ich manchmal die Tendenz zur Überkompensation. Ihre Kinder bekommen alles, was sie sich wünschen oder wünschen könnten. Markenkleidung, super Gadgets, oft die neueste Elektronik in Form von Xbox, Playstation, Nintendo oder den neuesten Smartphones, mit dem Führerschein früh das erste eigene Auto und vieles mehr, was das kleine Herz von Kindern oder jungen Heranwachsenden begehren könnte. Doch welchen Eindruck vermitteln unsere Eltern uns damit? Die Antwort ist sehr einfach: „Du bekommst alles, was du möchtest. Du hast einen Anspruch auf alles, was du möchtest, weil du mein Kind bist. Wir ermöglichen dir deinen ohne, dass du etwas dafür leisten oder erbringen musst.“ Was lernen wir als Kinder davon: „Das Leben ist toll und die Kassen unserer Eltern voll. Gibt es etwas zu begehren, muss ich nur das Konto meiner Eltern leeren.“ Ausnahmslos alle Freunde, Bekannte und vor allem Verwandte in meiner Umgebung, die so aufgewachsen sind, hatten oder haben immer noch massive Schwierigkeiten mit Mitte oder Ende Zwanzig ihr Leben selbstständig, selbstbestimmt oder unabhängig von ihren Eltern zu führen. Oft ist es der finanzielle Aspekt eines eigenständigen Lebens. Das ist nicht besonders verwunderlich. Weil wir in unserer Kindheit und Jugend mit Annehmlichkeiten überschüttet und ständig verwöhnt wurden, haben wir keine Vorstellung davon wie schwierig, kompliziert und teuer das Leben manchmal sein kann. Für 20-25 oder 30 Jahre wurden wir verhätschelt und plötzlich sollen wir Erwachsene sein oder gar selbst Kinder großziehen, obwohl wir uns selbst noch wie welche fühlen. Manche Eltern gehen sogar soweit Mehrfamilienhäuser zu kaufen, damit sie ihre Kinder, sobald sie heiraten in einer der Wohnungen unterbringen können. Der Gedanke einer Großfamilie, die gemeinsam in einem Haus lebt, wie es früher der Fall war, ist sicherlich nicht falsch. Aber handelt es sich dabei wirklich um das Zusammenleben oder darum seine Kinder nicht loslassen zu können und keine Verantwortung abgeben zu wollen. Dem Versuch, dass diese Kinder jemals ein selbstständiges, selbstbestimmtes und glückliches Leben führen können, stehen meiner Meinung nach viele Barrieren im Weg.

Part V Meine Eltern

Nach all der Kritik nun zu meinen persönlichen Tipps. Was haben meine Eltern anders gemacht und warum ich das rückwirkend gut finde. Zunächst sei gesagt, dass ich meine Eltern während meiner Kindheit und Jugend als unverhältnismäßig streng empfunden habe. Warum? Meine Eltern sind die zweite Generation einer Einwandererfamilie. Es gab also keinen, der mir einen besonders erfolgreichen Weg für meinen persönlichen Werdegang zeigen konnte. Doch für beide war eins von vornherein klar. Wenn es eine Möglichkeit gab, die funktionieren musste, war es die der . Mein Vater wiederholte nahezu täglich gebetsmühlenartig folgende Aussagen: „Für eure gibt es bei mir keine Limits“ oder „Für mich kommt zuerst, Spaß wann anders“. Doch die möglicherweise wichtigste seiner Lektionen war: „Bis ihr 18 seid, habt ihr Zeit zu zeigen, dass ich euch weiterhin unterstützen soll. Ansonsten dürft ihr gehen. Ich kann euch nicht bis 30 ernähren.“ Nicht, dass mein Vater uns rausgeschmissen hätte, doch was er uns, meinem Bruder und mir, Tag für Tag sagen wollte: „Jungs, seid bereit! Das Leben ist hart. Jetzt ernähren, kleiden und schützen wir euch, aber das wird nicht immer so sein.“ Auf diese Weise haben wir früh gelernt auf unseren eigenen Beinen stehen zu wollen, auch wenn das nicht immer geklappt hat. Zumindest jedoch war der Funken früh gezündet. 

Kommen wir nun zum „Spaß“ oder sagen wir „Konsum“. Die Aussagen meines Vaters standen stellvertretend für die Haltung beider meiner Elternteile. So hatten wir als Kinder nie den Luxus auch nur ansatzweise unsere Eltern gegeneinander auszuspielen. In jedem Moment in unserem Leben als Kinder, in dem einer der beiden weich zu werden schien, hielt der/die jeweils andere die vorgegebene Linie ein. Während mein Vater dazu tendierte uns einen eigenen Fernseher zu spendieren, stemmte sich meine Mutter jahrelang so erfolgreich dagegen, bis wir überhaupt das Interesse an einem Fernseher oder gar am Fernsehen an sich verloren haben. Doch während meine Mutter gewillt war uns unter der Prämisse begrenzter Nutzung eine Playstation in das Wohnzimmer zu stellen, konnte mein Vater darin keinen Nutzen oder Sinn für unsere Bildung erkennen. Bedeutet das nun, dass wir in unserer Kindheit kleine Stubenhocker ohne Freude oder Spaß im Leben waren? Ganz und gar nicht. Mit jeder Tür zum , die uns zu unserem eigenen Schutz verschlossen wurde, zeigten unsere Eltern uns Alternativen auf, unsere Freizeit anderweitig, sinnvoll und lehrreich zu gestalten. Sportvereine, Musikschulen und eigene Musikinstrumente, Wochenendveranstaltungen, gemeinsame Familientrips und -urlaube waren unsere regelmäßige Alternative zu Fernsehen, Nintendo und Co. Einige könnten jetzt sagen: Warum habt ihr nicht Zeitung ausgetragen, um euch selbst eure Wünsche zu finanzieren, denn schließlich geht es in diesem Beitrag ja um Selbstständigkeit. Hätten wir, doch es ging bei manchen Dingen nicht um das Geld, sondern darum uns vor unnötigem Konsum zu bewahren, damit wir den Blick für das Wesentliche im Leben nicht verlieren. Wir durften arbeiten und unser Geld sparen, jedoch nicht für unnütze Konsumgüter wie Elektronikartikel oder Produkte, die nach ein paar Wochen im Müll landen, sondern teilweise für unseren persönlichen Spaß, aber auch für nützliche Dinge – zum Beispiel den Führerschein oder das erste eigene Auto. Und damit wären wir beim Thema, das bereits im Titel dieses Beitrags angesprochen wird.

 Als es soweit war, dass ich das Geld für mein erstes eigenes Auto zusammengespart hatte, erklärten sich meine Eltern bereit, genau so viel in ein neues Auto zu investieren, wie ich zuvor angespart hatte. Wenn schon ein Auto, dann sollte es zumindest technisch einwandfrei und nicht zu alt sein, damit der erste Kauf nicht mit regelmäßigen Problemen und Werkstattbesuchen endete. Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter davon überzeugt, dass ich auf einem guten Weg war. Immerhin hatte ich ein sehr gutes Abitur abgelegt, selbst für das Geld meines Autos gearbeitet und war dabei mich an Universitäten für mein Studium einzuschreiben. Nach ihrer Vorstellung wäre ein ein schickes erstes Auto für einen jungen Mann meines Alters gewesen, schließlich ist man ja nur einmal jung. Das war jedoch das letzte Mal, dass mein Vater mir eine wichtige letzte Lektion auf den Weg gab, bevor ich nun mein Elternhaus verlassen und selbstständig weitermachen sollte. Bis zum Abschluss meines Studiums haben meine Eltern mich finanziell bei drei Auslandsaufenthalten unterstützt, doch mein Vater war nach wie vor seiner Linie treu geblieben weder mich noch mein Ego während meiner Erziehung zu verhätscheln. Das war die vielleicht wichtigste Lektion meines Lebens, denn es kommt nicht darauf an, wie schnell, gut, groß oder toll etwas ist. Es ist egal wie sehr du im Leben vor anderen mit deinen materiellen Gütern prahlen kannst. Wichtig ist, ob es sinnvoll ist, was du da tust und ob du es dir leisten kannst und solltest. Ich hatte nie wirklich von sündhaft teuren Konsumgütern, geschweige denn von einem als erstes Auto geträumt, doch hätten meine Eltern zugelassen, dass mein Bruder oder ich in den Sog, des Konsums, des „Verwöhnt-Seins“ und des Prahlen geraten, hätte sie damit auch zugelassen, dass unsere Egos und falsche Prinzipien uns unser Leben lang begleiten, ja viel mehr unser Leben für uns führen, indem sie jede wichtige Entscheidung beeinflussen.

Ja, manche Erfahrungen erscheinen als Kind oder Jugendlicher vielleicht „schmerzhaft“. Aber die Kinder gemäßigt strenger Eltern – so würde ich meine Eltern heute bezeichnen – können später über all die „Verbote“ oder „strengen Regeln“ lachen. Meine Eltern sagten immer zu mir: „Streng dich ein paar Jahre an, dann wird es dir danach Jahrzehnte lang gut gehen. Ein Jahr Bildung erspart dir zehn Jahre körperliche Arbeit“ Ich habe diese Aussagen gehasst. Jahr für Jahr, bis zu meinem ersten Auslandsaufenthalt an einer irischen Highschool musste ich mir das anhören; bis es endlich „Klick“ gemacht hat. Der Schalter war umgelegt. Denn während ich mich heute darüber beschweren darf, wenn ich keinen zweiten Bildschirm am Arbeitsplatz habe, um meine Forschungsergebnisse besser auswerten zu können, sehe ich wie andere, denen der Weg der Bildung nicht gezeigt wurde, die stattdessen mit Konsum und Materialismus gefüttert wurden, Tag für Tag hart körperlich schuften müssen. Mein Vater zeigte mir immer seine rauen Hände und sagte: „Wenn dein Kopf nicht arbeitet, dann müssen die es tun.“

Welche Lehren kann man aus diesem Beitrag jetzt ziehen? Nicht jeder muss so streng sein, wie meine Eltern es vielleicht waren. Sie kannten nur einen Weg ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen und das war der der Bildung. Zurückblickend würde ich sagen, dass es nicht die einzige Möglichkeit gewesen wäre, aber es war eine gute und sichere. Eine mit der mir viele weiteren Türen noch offenstehen, ohne dass ich mich darüber ärgern muss, etwas verpasst zu haben. Heute leben wir in Europa nicht mehr in Armut und sind auch keine erste Arbeiter- und Einwanderergeneration mehr. Wir kennen viele Wege, um ein gutes Leben zu führen. Der Staat, Schulen, Universitäten, Arbeitgeber usw. bieten uns viele Möglichkeiten uns selbst zu entfalten und beruflich erfolgreich zu werden. Viele von uns sind diese Wege gegangen und kennen sie bereits. Zeigt sie auch euren eigenen Kindern. Das ist der erste Teil!

Zweitens! Seid streng mit euch selbst und euren Kindern, wenn es um Konsum geht. Während es zu Zeiten meiner Kindheit „nur“ Gameboy, Nintendo und Playstation gab, sind wir heute von jeder Seite, mit jedem Aspekt unseres Lebens mit Konsummöglichkeiten überflutet. Facebook, Amazon und Co., iPhone, Samsung und Microsoft sei Dank, können wir heute in jeder Sekunde unseres Lebens Materielles und Digitales auf den Appstores, Netflixes und Marketplaces dieser Welt konsumieren. Während die Divise meines Vaters immer war: „Für Bildung gibt es keine Grenzen“ lautet die der Gesellschaft „Bei Konsum gibt es keine Grenzen“. Es ist heute so einfach mit ein paar Klicks oder „Touches“ sich ein scheinbar „angenehmes“ und einfaches Leben zu machen, ohne dabei die langfristigen Konsequenzen zu bedenken. Es ist egal wie erfolgreich wir beruflich sind, wie viel Geld wir verdienen, wie selbstständig wir zu sein mögen, wenn wir in unserer Jugend nicht gelernt haben unseren eigenen Konsum auf ein gesundes Level zu beschränken. Denn was passiert, wenn das Geld mal nicht fließt? Wenn der Arbeitgeber insolvent ist, die eigene Firma nicht gut läuft und man schlicht gekündigt wird. Nachdem ich einige Wochen in den USA verbracht habe, konnte ich das am Beispiel vieler Menschen sehen. Sie wurden herzlich in der Schuldenfalle willkommen geheißen.

Zuletzt! Lest lieber ein Buch mit eurem Kind, anstatt ihm ein iPad in die Hand zu drücken, wenn es weint, denn denkt daran, lieber „Bildung statt BMW“. Eure Kinder werden es euch danken!

1 thought on “Bildung statt BMW”

  1. Hallo Ali,

    ein sehr interessanter Beitrag, den du da geschrieben hast. Ich kann mir die Erziehung deiner Eltern bildlich vorstellen. Immerhin stamme ich auch aus einer Einwandererfamilie ab. Aber ich freue mich immer wieder, dass unter den „Alten“ immer Leute dabei sind, die es trotz der ganzen Konflikte geschafft haben, ihren Kindern die Bücher in die Hand zu geben.
    Du hast Recht. Natürlich gibt es „sanfterere“ Möglichkeiten, diese Werte zu übermitteln. Aber ich sage immer: Wir sind das, was wir sind, weil unsere Eltern so sind, wie sie sind!

    Du schreibst sehr gut. Freue mich auf die anderen Artikel.

    Schöne Grüße aus Jülich
    Yeliz

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