Finde die Richtige

Wir alle haben sie, jeder seine eigenen, jeder andere – diese Vorstellungen von der oder dem Richtigen. Wir alle träumen, phantasieren, visualisieren, warten, hoffen, beten, lachen und weinen über den oder die eine, vergessen, hoffen erneut. Heute erzähl ich von der einzig Richtigen für euch

Wer wurde das noch nicht gefragt? „Wir stellst du dir deine Traumfrau vor?“ Und dann fangen wir alle an zu erzählen: „Sie sollte so groß sein, ihre Augen sollte diese Farbe haben, lange Haare, am besten sollte sie folgende Bildung haben. Wäre gut, wenn sie so und so viele Geschwister hätte, dann haben wir eine große Familie. Ihr Vater sollte mindestens so groß sein, dann hat sie die richtigen Gene für unsere Kinder und so weiter…“ Selbstverständlich habe ich es hier etwas übertrieben, aber wer hat oder hatte sie nicht, diese ganz konkreten Details vor Augen, wie die eigene Partnerin sein sollte? Was dann passiert ist absolut unnötig, sinnlos und vollständig falsch. Wir beginnen zu suchen, zu suchen nach der perfekten Frau, der Prinzessin auf dem Einhorn, die zuvor noch niemand auf der Welt entdeckt hat, außer uns selbst. Selbstverständlich wird das nicht passieren und Frust macht sich breit. Trauer, Ungeduld, Sorgen. Alles kommt zusammen. Und langsam quälen einen die Zweifel: „Du bist schon 28 Jahre alt, gibt es überhaupt die Richtige? Werde ich jemanden treffen, die zu mir passt? Was, wenn nicht?“ Und ohne, dass man es bemerkt, ist die Suche nach der Partnerin der Mittelpunkt unseres Lebensinhalts geworden. Ja, manch einer ist so verzweifelt, dass er Apps zum Wischen nutzt oder bezahlte Websites für eine „professionelle Partnervermittlung“ beautragt.

Bevor wir unsere Gedanken weiter ausführen, sei kurz gesagt, dass die oben erwähnten Darstellungen glücklicherweise nicht meiner Realität entsprechen, da ich bis zu DEM Tag ein glückliches Single-Dasein gelebt habe, sondern vielmehr eine Zusammenfassung von Beobachtungen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis und meiner Umgebung sind.

Nun also zu mir. Trotz aller Zufriedenheit hab auch ich mir einige Gedanken gemacht, was wie kommen wird und ob es überhaupt passieren wird. Immerhin stand ich am Ende meines Studiums, war alt genug, sollte finanziell in gut aufgestellt sein und mal abgesehen davon, erwartet doch auch die Gesellschaft, dass man heiratet, eine Familie gründet und und und. Deine Freunde fragen dich, deine Eltern wünschen sich Enkel, deine Oma möchte ihren eigenen Enkel verheiratet sehen, deine Bekannten empfehlen dir jemanden, aber im Grunde, willst du nur in Ruhe gelassen werden. Gerade frisch zurück von meinem Forschungssemester aus Norwegen und während meiner Planungen für weitere Aufenthalte in Schweden und Dänemark für meine Master- und Doktorarbeit ist es also passiert. Und damit war mir die erste Lektion schon mal erteilt worden. „Es kommt nie, wie man es plant, erwartet, hofft oder denkt.“ Während ich vollständig darauf fokussiert war, entegegen allem familiären Widerstand, die nächsten Jahre im Ausland zu verbringen treffe ich beim Essen mit meinem Bruder also diese Frau, die im Grunde genau das Gegenteil von dem Bild war, was ich von meiner Partnerin gezeichnet hätte. Und doch hat ein Blick gereicht um mich aus den Socken zu reißen. Während ich zuvor noch von meiner eigenen Person, Männlichkeit, Fähigkeiten, meinem Aussehen und allem Weiteren voll überzeugt war, hat sie es geschafft alle Pfeiler meiner persönlichen Überzeugungen umzureißen und mich über Monate grübeln zu lassen: „Wie soll ich mit ihr reden? Es gibt bestimmt dutzende, die sie kennenlernen möchten. Sie schaut mich doch bestimmt nicht mal an. Warum sollte sie auch? Habe ich überhaupt eine Chance bei ihr? Und und und.“ Zweifel machen sich breit. Allein beim Gedanken an sie bekam ich ein murmeliges Gefühl und fühlte Trauer, weil ich wohl nie mit ihr sprechen würde. Aber die Geschichte sollte mich eines besseren belehren: „Ist sie die richtige, dann geht es ihr exakt, wie euch und kein bisschen anders.“ Meine Gedanken und Sorgen gingen soweit, dass Freunde mich beruhigen und mir Mut machen mussten – und wer mich kennt, weiß, dass ich das normalerweise am Wenigsten brauche: „Mach dir keine Sorgen Ali, sie ist auch nur ein Mensch. Hör auf dich zu stressen. Rede einfach mit ihr. Was soll schon passieren? Im schlimmsten Fall sagt sie nein…“ Und tatsächlich waren alle Sorgen unnötig. Es kam wie es kam, wir lernten uns kennen, gefielen einander, lernten uns lieben und entschieden, dass es ab jetzt nur noch einen gemeinsamen Weg geben soll. Was ich davon gelernt habe? „Du schreibst das Drehbuch namens „Schicksal“ nicht selbst. Du bist nur der Hauptprotagonist, der die Möglichkeit hat alles auf seine ganz eigene Weise zu interpretieren.“ Nicht mehr, nicht weniger.

Aber woher weiß man, ob es wirklich die Richtige ist? Ganz einfach, weil es schlicht und ergreifend passt. Ich glaube nicht an all das wie Geduld, Verständnis füreinander, Toleranz und ähnliches. Das alles sind die Aussagen von denjenigen, die nicht die Richtige gefunden haben und versuchen mit Kompromissen ihre Realität geradezubiegen. Ich kenne keine universellen Gesetze, aber ich kann euch meine sagen.

Wir sind nicht zwei Individuen, die ein Paar geworden sind. Wir sind ein Gedanke, ein Gefühl, eine Seele, eins. Es ist als könnte sie die zweite Hälfte eines Buchs beenden, dass ich begonnen habe. Es ist, als könnte sie durch meine Augen in mein Herz schauen und in den einzelnen Kapiteln meiner Gefühle blättern, um Stück für Stück alle Fassaden abzukratzen und zu den Tiefen meiner Persönlichkeit durchzudringen. Es ist als würde sie durch meine Nervenbahnen sausen, um meine Gedanken zu vervollständigen, mir die Worte aus dem Mund zu nehmen und meine Sätze zu beenden. Es ist als würde keiner von uns Sicherheit brauchen, denn es gibt keinen anderen Weg mehr für uns. Ich dachte immer, sich gegenseitig Sicherheit zu geben ist wichtig. Doch seien wir ehrlich. Würdet Ihr einen Baum, der tief verwurzelt ist mit zusätzlichen Seilen sichern? Wohl eher ein wackeliges Baukonstrukt, das nicht auf den richtigen Fundamenten steht, oder?

Du bist meine Zukunft und ich deine. Du bist meins und ich deins. Zwei Seelen vereint. Diese Momente, wenn du anrufst und zwanghaft versuchst zu nörgeln, weil wir uns sonst einfach zu gut verstehen und schon nach einigen Sekunden selbst lachen musst, weil du weißt, wie niedlich ich dich finde, wenn du das tust. Diese Sekunden, wenn ich dich mit dem Auto abhole und da stehen sehe, mit glänzenden Augen, die sagen: „Hey, ich sterbe vor Ungeduld, wo warst du?“. Dieser Moment, wenn wir diskutieren und schon nach zwei Minuten bereuen überhaupt damit begonnen zu haben. Diese Tage, an denen wir abends zu erschöpft sind und am Telefon einschlafen. Dieser Klang in meinen Ohren, wenn du „Mein Ali“ sagst. Diese Freude, wenn wir auch aus den dümmsten Dingen, die wir sagen, tun oder denken einen Spaß machen, über den wir uns noch Monate später freuen. Dieses Gefühl, wenn ich dir sage: „Besteeeee Freunde auf der ganzen Welt“ und du antwortest: „Danke mein Ali, danke!“ Deine Nachrichten, wenn ich lange Auto fahren muss. Dein Mitgefühl, wenn ich viel arbeiten oder lernen muss. Diese Fragen wie: „Kannst du mir auch was versprechen, mein Ali?“ Und ich genau weiß, dass du wieder irgendwas ausgeheckt hast. Dieser Schmerz, den spürst, wenn ich krank, verletzt oder schlecht drauf bin. Die Sorgen, die du hast, wenn ich was Dummes ohne deine Erlaubnis mache. Die Begeisterung, mit der du jede meiner Ideen anhörst, egal wie dämlich sie sind. Die Erleichterung, wenn wir uns nach einer langen Zeit wiedersehen. Der Spaß, wenn wir im Auto sitzen und völlig falsch zu Liedern singen, deren Text wir kaum kennen. Das Essen, was du mir immer vorbereitest und abpackst, wenn ich wegfahre. Das Glück, das du verspürst, wenn ich nur mit einer einfachen Blume oder Rose vor dir stehe. Die Liebe, die du zurückgibst, wenn ich dir nur ein kleines bisschen zeige, was ich fühle. Die Dankbarkeit, die du jeden Tag zeigst, weil wir zusammen sind. Die Zufriedenheit, die du lebst, wenn wir Zeit verbringen. Die Sicherheit, die du versprühst, und der Glaube daran, das alles gut ist und wird, weil wir zusammen sind. Dieses , das ich mit dir habe… Danke, für alles.

3 thoughts on “Finde die Richtige”

  1. Wow, bin begeistert. In deinem Text steckt soviel Liebe und Freude, dass konnte man schon beim lesen spüren.

    PS: Auf deine Homepage bin ich durch deine Frau aufmerksam geworden.

    Alles gute euch beiden. Rabbim tamamini erdirsin

  2. In Abschnitt 2 Zeile 4 sollte es, denke ich mal, „Single-Dasein“ heißen.
    Dort steht „Singe-Dasein“.

    Lg Serkan

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