Kentucky Fried Chicken

Es war gut studiert zu haben. Rückblickend kann ich sagen, dass es keinen Abschnitt im Leben eines Menschen gibt, in dem man seine Zeit so frei gestalten kann, wie im Studium. Doch gleichzeitig kann es eine Bürde sein ein Studium absolviert zu haben. Was es damit auf sich hat und welche Schlüsse man für sein eigenes Leben daraus ziehen kann, lest ihr hier.

Familie, Freunde, ja im Grunde die gesamte Gesellschaft und, um ehrlich zu sein, auch wir selbst stellen in einem solchen Fall bestimmte Ansprüche an uns selbst, unsere Jobs und unseren Lebensstandard. Schließlich wäre es ja sinnlos Wirtschaftsinformatik zu studieren und anschließend eine eigene Schneiderei aufzubauen. Oder Medienwissenschaften zu studieren, um danach in einem Bio-Fruchtsäfte-Betrieb zu arbeiten. Ist das nicht so? Sind wir uns da nicht alle einig? So geht es auch mir. Schon seit geraumer Zeit habe ich immer wieder Ideen zur Selbstständigkeit, doch habe ich so viele Jahre in mein Studium investiert, dass ich immer das Gefühl hatte erst in meinem „eigenen Bereich“ tun zu müssen, bevor ich irgendwann die Branche wechsele. Und dann kommen Momente, in denen ich denke, dass es viel zu spät ist jetzt noch etwas Neues anzufangen oder etwas völlig anderes aufzubauen. Schließlich wollen wir ja alle schnell in die Karrieren und möglichst noch schneller sechsstellige Gehälter erreichen, oder? Die Frage ist zu welchem Preis? Und sind wir bereit alle dafür notwendigen Opfer, permanenter persönlicher Frust eingeschlossen, zu zahlen? Nach meiner Erfahrung sind das 90% der Menschen. Denn wie viele Freunde oder Bekannte haben wir, die jeden Tag aufstehen und voller Überzeugung mit Elan in den Tag starten. Diese sind sicherlich an einer Hand abzuzählen. Aber viele kennen wir, die sich jeden Tag frustriert, genervt und unmotiviert durch den Alltag schleppen? Das dürften wohl die meisten sein. Doch was hat all das mit Kentucky Fried Chicken oder Essen überhaupt zu tun? Diese Frage ist so berechtigt wie notwendig. Und die Antwort liegt im Leben von Colonel Harland D. Sanders, dem Gründer des Franchise.

Als ältestes von drei Kindern und früher Halbwaise hatte Sanders früh die Aufgabe für die ganze Familie zu kochen. Daher also schon mal die Nähe zum Essen. Im Laufe seines Lebens diente Sanders in der Army auf Kuba, arbeitete als Aushilfsschmied Sheffield, reinigte Züge in Alabama und schippte Kohle als Heizer für Züge. Zu diesem Zeitpunkt war er erst 16 oder 17 Jahre alt. Seinen Job bei der Illinois Central Railroad verlor er aufgrund einer Schlägerei mit einem Arbeitskollegen. Neben all seiner Jobs studierte Sanders Jura und praktizierte anschließend für drei Jahre als Anwalt, um auch diesen Job aufgrund einer Schlägerei mit einem Klienten im Gerichtssaal wieder zu verlieren.

Es folgten zahlreiche weitere Jobs und Firmengründungen als Versicherungsvertreter, Verkäufer, Fährenbetreiber Lampenhersteller und schließlich als Tankstellenbetreiber. Genau als solcher servierte er seinen Gästen das erste Mal Essen in seinen eigenen Wohnräumen, bis er sich ein Motel-Restaurant kaufte und es zu einer örtlichen Bekanntheit schaffte. In dieser Zeit optimierte Sanders die bis heute geheime Rezeptur und Zubereitung seiner Fried Chicken. Nachdem er sein eigenes Geschäft verkaufte widmete sich Sanders nach einigen weiteren Jobs in verschiedenen Kantinen und Cafés 1952 dem Vertrieb seiner geheimen Rezeptur. Zu diesem Zeitpunkt war der 1890 geborene Sanders bereits 62 Jahre alt, doch das Franchise Imperium war geboren. Geboren, aber auch noch nicht selbst am Laufen. Sanders reiste durch das ganze Land, schlief in seinem Auto und vermarktete seine Franchise Fried Chicken Rezeptur bei zahlreichen Restaurants. 1962, 10 Jahre nach dem ersten Franchise Deal, patentierte Sanders seine Zubereitung. 1964 war das Franchise System bereits auf 600 Filialen gewachsen, sodass Sanders das aufgrund der überwältigenden Größe verkaufte und fortan als „Unternehmensmarke“ 200.000 Meilen im Jahr durch das Land reiste.

Bei den Recherchen für diesen Beitrag bin ich auf eine Aussage, mit der wir auch wieder zurück an den Beginn dieses Artikels kommen, von Colonel Sanders gestoßen: “I’VE ONLY HAD TWO RULES: DO ALL YOU CAN, AND DO IT THE BEST YOU CAN.Mit Sicherheit ist es einfacher finanzielle Sicherheit, einen hohen Lebensstandard oder gar ein Vermögen aufzubauen, wenn man bei einem Job, in einer Branche oder bei einem Geschäft bleibt und damit eine relativ geradlinige Karriere anstrebt. Doch sind es nicht all die Geschichten und Erfahrungen, die uns und unser Leben ausmachen? Ist es besser ein paar Tausend mehr brutto zu verdienen, die im Endeffekt zu großen Teilen aufgrund von Steuern, Versicherungen und Sozialbeiträgen verwässern, als etwas langfristig Erfolgreiches aufzubauen und zu lieben, was man gerade tut? Klar, kann es sein, dass sich die Idee oder der eingeschlagene Weg als Flop herausstellt. Vielleicht erreicht ihr die erste Million erst mit 65, so wie Colonel Sanders, aber vielleicht wird es auch schnell das nächste Kentucky Fried Chicken. Nur wer es wagt, wird es herausfinden.

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