My New York Experience

Nachdem ich neun Wochen in Denver (Colorado) gelebt und gearbeitet habe, hatten wir gemeinsam die Möglichkeit einige Tage Urlaub in New York zu machen. All die Eindrücke und Erfahrungen gaben mir den Anlass mal etwas zusammenzuschreiben und mit all den Mythen um diese Stadt aufzuräumen

Part I Warum kommen wir hierher?

Während eines geführten Spaziergangs von Manhattan nach Brooklyn, über die Brooklyn Bridge fragte uns unser Guide Dr. Dan warum wir nach New York gekommen waren. Meine Antwort war so einfach wie plump und plausibel: „Ich war neun Wochen von zu Hause weg. Als Entschädigung musste ich mir etwas für meine Frau ausdenken und da ich zurück nach Deutschland sowieso Richtung Osten musste, habe ich ihr angeboten, dass wir uns in New York treffen.“ Seine Reaktion erstaunte mich etwas, denn seine Augen strahlten und er bedankte sich für die ehrliche Antwort. Wie wir später erfuhren, hörte Dr. Dan in 90% der Fälle, dass es schon immer der Traum seiner Klienten war nach New York zu kommen und wie toll, faszinierend und inspirierend sie diese Stadt fänden. Er und ich sind uns in dem wahren Grund für die Faszination um die Stadt aber ziemlich einig gewesen. Tatsächlich liegt der Grund für die Bewunderung der Stadt, aus unserer Sicht, einige tausend Meilen weiter westlich in den USA und dieser heißt „Hollywood“. Seien wir ehrlich. Jeder von uns hat New York in unzähligen Filmen, Serien oder Sitcoms gesehen. Von klein auf werden wir vom Fernsehen oder heute eher von Netflix und Co mit dem Gedanken gefüttert wie wundervoll, mythisch und sagenumwoben diese Stadt ist, sodass wir alle einmal den Times Square, den Broadway, die Brooklyn Bridge, Manhattan oder die Wall Street sehen möchten. Und wenn wir einmal angekommen sind, kommt uns alles so unglaublich bekannt vor, wie wir es uns schon immer vorgestellt haben – nur, dass es sich dabei nicht um unsere Vorstellung, sondern vielmehr um unsere Hollywood-Eindrücke der Stadt handelt.

Part II Was ist so besonders? 

Bei all dem Glanz und Schein sei eines gesagt. Klar, ist es beeindruckend wie all die Lichter, Paneele und Bildschirme den Times Square erhellen. Selbstverständlich ist es atemberaubend ganz Manhattan vom Rockefeller Center oder dem One World Center zu betrachten. Meine Frau und ich waren zeitweise von den gigantischen Eindrücken fasziniert und überwältigt, doch all das macht die Stadt nicht so besonders, wie sie aus meiner Sicht in der Realität ist. Ganz im Gegenteil. Dabei handelt es sich lediglich um leblosen, gut beleuchteten Stahl, Glas und Beton. Ihre Seele bekommt New York erst durch ihre Geschichte – und das ist die Geschichte der Migration. Es sind die Geschichten der vielen tausend Menschen aus Irland, England, Spanien, Deutschland, Frankreich, Indien und so weiter, die New York aus meiner Sicht das Leben eingehaucht haben. Ein Stück dieser Geschichte lässt sich auf Ellis Island nachvollziehen – wo ab dem Jahr 1890 etwa 12 Millionen Menschen, die in die USA einwandern wollten, das erste Mal eingetroffen sind, um ihren Aufenthalt in den USA zu beantragen. Auch heute sind es die vielen Menschen, Sprachen, Gerüche, Geräusche und Nationen, die auf so engem Raum aufeinandertreffen und koexistieren können. Der Times Square ist der vermutlich am stärksten von Diversität geprägte Ort der Welt. Es treffen Muslime, Christen, Juden, jung und alt, schwarz, braun, gelb und weiß, groß und klein, dick und dünn, leider arm und reich, vermutlich alle politischen und viele weitere Orientierungen aufeinander und keiner scheint sich am anderen zu stören. New York lebt aufgrund ihrer Heterogenität. Klar, am Broadway werden die besten Musicals und Theaterstücke der Welt entwickelt und aufgeführt, doch das wahre Theater findet auf den Straßen statt. 

Part III Wie ist es wirklich?

All meiner tollen Beschreibungen zum Trotz. Leider sieht nicht jeder diese Stadt so wich ich es tue. Warnung: Jetzt kommt ein ziemlich hartes Instagram Bashing. Alle, Snap-, Tweet- und Story-Zombies, die das nicht ertragen können, bitte lest ab hier nicht weiter. Auch, wenn meine Frau Teil dieser Community ist, schaffen wir es ein einigermaßen gesundes Verhältnis zwischen dem Hier und Jetzt und den Fotomomenten herzustellen. Auch ich finde es nett einige gute Fotos als Erinnerung zu schießen und diese, meinetwegen auch, bei Instagram zu teilen. Gleichzeitig jedoch haben wir versucht Handy, Laptop oder iPad einfach mal wegzulegen und nur den Moment zu genießen. Etwas nur für uns. Nichts zu teilen, posten, liken oder kommentieren. Nur zum Leben. Doch wie sieht es bei der Mehrheit aus? Eins der extremeren Beispiele waren einige junge Frauen, die mit Sporttaschen, Koffern und Rucksäcken über die Brooklyn Bridge gewandert sind und sich mehrere Male umgezogen haben (Abendkleid und hochhackige Lackschuhe eingeschlossen), um ihre perfekten Fotos zu schießen. Dabei haben sie Verrenkungen und Posen ausgeführt, deren bloßer Anblick schon zu viel für mich war. Auf dem Rockefeller Center, wenn einem große Teil dieser fantastischen Stadt zu Füßen liegen und man den Central Park auf der einen Seite und ganz Midtown Manhattan auf der anderen Seite sehen könnte, sieht man leider tatsächlich nichts anderes als Scharen von Menschen mit ihren Handys in der Hand, die Tage vorher buchen müssen, um dann ewig Schlange zu stehen und 67 Stockwerke mit dem Aufzug zu fahren, um am Ende ein paar Fotos mit ihren Handys zu schießen und dann wieder zu verschwinden. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass manche Touristen den großen Teil ihres Urlaubs in New York hinter ihren Linsen und vor ihren Bildschirmen verbringen. Instagram, Facebook und Snapchat seien dank, sind wir so sehr damit beschäftigt alle zu „updaten“ wo wir gerade sind, was wir gerade essen, was wir gerade machen, wie toll unsere Zeit doch ist, dass wir selbst kaum merken, dass der Urlaub schon fast wieder vorbei ist. Gerne hätte ich eine der Instagram Zombies einmal gefragt in welche Richtung die Brooklyn Bridge zeigt oder warum der Times Square überhaupt so heißt oder wie der Ortsteil „Hell’s Kitchen“ zu seinem Namen gekommen ist. Ich würde wetten in ihrem Eifer über all die „wichtigen“ Storys und Snaps lernt kaum ein Mensch weder etwas über die Geschichte noch die wirklich interessanten Besonderheiten der Stadt.

Part IV Kommen wir nochmal? 

Es war eine tolle Erfahrung. Man kann viel positive Energie aus dieser Stadt mitnehmen. In manchen Momenten hat man wirklich dieses „Alles ist möglich“-Gefühl, von dem alle immer sprechen, wenn es um die USA geht.  Doch die niemals endenden Ströme von Menschen und an den Hotspots sind damit hauptsächlich Touristen wie wir selbst gemeint, die langen Wege mit Bus und Bahn, die vielen lauten Geräusche, die teilweisen dreckigen Straßen und vor allem die teuren Preise würden uns derzeit nicht noch einmal dazu bewegen einen zweiten Trip in diese Richtung anzutreten. Wir haben viel gesehen und gelernt und sicherlich haben wir gerade einmal an der Oberfläche gekratzt, doch seien wir ehrlich. Die Marke New York zieht Touristen an wie Motten das Licht. Und das zieht einige wenige reiche, geldgierige Hotel-, Theater-, Restaurant- und Immobilienbesitzer noch viel mehr an. Mit dem Geld, dass wir für eine Woche in New York ausgegeben haben, hätten wir ganz einfach zwei Wochen Sommerurlaub in einem vier oder fünf Sternehotel in einem anderen Land machen können. Einfach alles ist ausnahmslos teuer. Doch viel wichtiger ist. Für uns gibt es noch so viele andere New Yorks auf dieser Welt, die nur anders heißen – Rio, Seoul, Bangkok oder Melbourne zum Beispiel. Denn wenn New York einem eines lehrt, dann wie klein die Welt eigentlich sein kann – auch vor 100 Jahren schon. In diesem Sinne – Viel Spaß dabei sie zu entdecken.

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