Money Money Money

Jeden Tag stehen wir auf, sind fleißig, um uns ein gutes Leben zu ermöglichen. Arbeiten, zahlen Steuern und Versicherungen, tilgen unseren und versuchen den Alltag zu meistern. 8 Stunden , 1 Stunde Pause, 7 Stunden Schlaf, ein paar Stunden Freizeit und dann von neuem

Nachdem ich aus Norwegen zurückgekehrt war hatte ich mir vorgenommen wieder mehr zu lesen, da ich dort in drei Monaten gerade einmal ein Buch beendet hatte. Immerhin musste ich dort bis nachmittags im Labor arbeiten und abends für meine anstehende Prüfung lernen. Also zurück in Deutschland habe ich in 6 Wochen erst einmal direkt drei Bücher gelesen und mit jedem Buch fallen mir zahlreiche neue Ideen für weitere Artikel ein. Nummer 4 jedoch hat es in sich. „ DAD DAD“ von Robert T. Kiyosaki beschreibt die denkweise von zwei verschiedenen Vätern zum werden, bleiben und zum Umgang mit Geld. Das Buch ist hervorragend geschrieben und man beginnt in allem Möglichkeiten zu suchen, Ausgaben einzusparen und Investitionen zu tätigen (in Falle eines 24 Jahre alten bloggenden Chemiestudenten nur fiktiv, haha). Gleichzeitig passiert aber auch etwas anderes. Der „reiche Vater“ beschreibt immer wieder, dass hart arbeitende Menschen selbst schuld daran sind, dass sie nie einen Weg aus dem „Hamsterrad“ finden und damit niemals den finanziellen Wohlstand erreichen werden. Gleichzeitig rechtfertigt er aber auch, dass er seinen eigenen Mitarbeitern nur ein geringes Gehalt zahlt und das nicht seine Schuld sei. Weiterhin beschreibt der Autor, wie er innerhalb von fünf Stunden finanzielle Krisensituationen nutzte, um Immobilien zu erwerben und ohne diese auch nur im Ansatz zu bezahlen damit 40.000 Dollar verdiente – innerhalb von 5 Stunden. Die Argumente sind so überzeugend formuliert, dass sogar ich, als praktizierender Muslim mit eigenen islamischen Wertevorstellungen, für einige Tage davon überzeugt war und dachte: Wenn ich eines Tages eine Firma habe, dann zahle ich meinen Mitarbeitern so wenig, wie möglich, um mehr Geld zu haben, das ich in die „Vermögensspalte“ (so nennt es der Autor) investieren kann, bis ich begonnen habe, nochmal darüber nachzudenken. Der „reiche Vater“ rechtfertigt seine Handlungen damit, dass arme Menschen nichts gegen ihre Situation unternehmen und er nicht dafür verantwortlich sei. An dieser Stelle hakt das Gedankenmodell für Muslime (zum Glück). Warum das so ist und welches Gegenmodell der Islam zu bieten hat, das lernen wir jetzt gemeinsam.

Grundsätzlich lässt sich bei zwischenmenschlichen Beziehungen in jeglicher Form vom Prinzip des „Haqq“ sprechen. Aus dem Arabischen übersetzt heißt es „Wahrheit“ bedeutet in diesem Zusammenhang aber „Recht“. Einmal gibt es den Ursprung aller Schöpfung Allah, demgegenüber wir Pflichten haben. Tun wir Gutes, wie zum Beispiel beten, fasten, spenden, zur Pilgerfahrt fahren, den Waisen speisen etc. so gibt es Pluspunkte auf unserem „Konto“. Tun wir Schlechtes, so werden diese Taten als Sünden in unserer Bilanz verbucht. (Dabei ist anzumerken, dass der Mensch grundsätzlich mehr sündigt als dass er Gutes tut und deshalb immer für die Güte und Barmherzigkeit Allahs beten sollte). Das Prinzip des „Haqq“ lässt sich in einfach erklärt mit Bitcoins beschreiben: Es ist wie ein dezentraler Transfer von „Rechten“, ähnlich wie, wenn Alfred der Julia einen gefallen tut, und Julia sagt: „Jetzt hast du echt einen gut bei mir.“ Dieses Prinzip der gegenseitigen „Rechte“ lassen sich auf jeden Bereich des menschlichen Zusammenlebens anwenden.

Jede/r, die/der auf irgendeine erdenkliche Weise mit anderen Menschen interagiert transferiert gleichzeitig Rechte. Auch für die Arbeitswelt ist dieses islamische Prinzip für Muslime gültig. Der Prophet Muhammed (sav) spricht in einer Überlieferung davon, dem Arbeiter, das was ihm zusteht (sein Recht) noch zu zahlen, bevor sein Schweiß getrocknet ist.[1] In der entsprechenden Überlieferung ist die Rede von „Recht“. Es ist zu zahlen, was ihm zusteht und nicht was wir für richtig halten. Während der Debatten um den Mindestlohn gab es zahlreiche Diskussionen darum, dass durch die Einführung dessen zahlreiche Arbeitsplätze gefährdet seien. Was nützt es einem Menschen zu arbeiten und dennoch nicht genug zu verdienen, um sein Leben einigermaßen vernünftig gestalten zu können. Es mag rechtmäßig sein einem Menschen 8,50 Euro für die geleistete Arbeit pro Stunde zu zahlen, doch ist das auch das, was dieser Person für ihre Arbeit zusteht? Allah ist nicht gebunden an unsere Mindestlohnvereinbarungen und wird im Jenseits seine eigenen Bilanzen für unser Handeln ziehen.

Einer, der die Beziehung zwischen und besonders ernst genommen hat war Sinan, der oberste Architekt des osmanischen Reiches. Als Architekt des Sultans war er nicht nur für technische Zeichnungen und Konstruktionen, sondern auch für die Umsetzung der Pläne und den Bau der geplanten Gebäude zuständig. So kam es vor, dass Sinan beim Bau der Süleymaniye Moschee zwei Steinmetzen, beide angeheuert für die gleiche Arbeit, unterschiedliche Gehälter zahlte. Vom Sultan zu diesem Umstand befragt, führte Sinan dem Sultan die Arbeitsweise beider Steinmetze vor, um ihm zu zeigen, dass der besser bezahlte mehr Schläge pro Stunde schaffte und damit mehr Steine pro Tag bearbeitete als der andere und fragte, wie es denn möglich sei diese Mehrarbeit nicht zu vergüten.

Wir leben heute in einem Zeitlater, in dem vor allem junge Menschen mit einer guten Idee, meist in der IT-Branche, schnell zu Wohlstand kommen oder sogar Tech-Milliardäre werden können. Durch die weltweite Digitalisierung, gefühlt aller Branchen, sind ITler und Techies besonders gefragt. Große Konzerne buhlen um die Gunst des Humankapitals und so kommt es schon vor, dass Apple und Co sich gegenseitig ihre Ingenieure und Entwickler für mehrere zehntausend Dollar Prämien abwerden. Auf der anderen Seite gibt es Berufsgruppen (da ich keine diskriminieren möchte, nenne hier keine), deren Gehalt so niedrig ist, dass diese Menschen am Existenzminimum leben oder noch Aufstockung durch Ämter benötigen, um überhaupt ausreichend zu leben zu haben.

HELP ©Bülent KILIC flickr.com

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Ist die Arbeit des einen Menschen, nur weil er/sie nicht gerade das vernetzte Auto der Zukunft entwickelt oder die nächste Augmented Reality Brille baut so wenig wert, dass er/sie nicht einmal davon leben kann? Auf der anderen Seite ließe sich genau so fragen: Hat der ehemalige CEO eines (hier nicht namentlich genannten) Automobilkonzerns (ehem baut Autos für’s Volk) so viel Arbeit geleistet, dass seine Rente 3000 Euro beträgt? Pro Tag! Und wie viel Arbeit kann das gesamte Management des gleichen Konzerns geleistet haben, dass die gesamten Bonuszahlungen sich auf fast 60 Millionen Euro belaufen, während der Konzern einen Milliardenverlust hinlegt und seiner gesamten Belegschaft keine Prämie zahlt. Klar können wir jetzt argumentieren, dass diese Menschen sich dort hochgearbeitet haben und einen Anspruch auf diese Boni hätten, doch nur weil es schon immer so war, heißt es nicht, dass es richtig ist. Nur, weil ein Mensch, ehrlich und fleißig arbeitet und kein Finanzexperte an der Börse oder am Immobilienmarkt ist, nicht auf riesige Gewinne spekuliert und sein Institut dann durch den Staat vor eine Pleite retten lässt, dass wir ihn noch in ein „Hamsterrad“ stecken müssen und mit geringen Gehältern bestrafen, nur weil er/sie nichts dagegen tut.

Dieser Beitrag soll keine Fundamentalkritik an unserem Wirtschaftssystem darstellen, aber der eine oder andere von uns wird sicherlich mal in die Position kommen andere Menschen als Arbeitgeber zu beschäftigen. Vielleicht hilft es dann an Sinan und die Steinmetze zu denken. In dem Buch „RICH DAD POOR DAD“ liest man immer wieder Aussagen wie: „Beherrsche das Spiel“. Aber vielleicht ist es sinnvoll nach seinen eigenen Spielregeln zu spielen.


[1] İbn-i Mâce, 2/817, Bkz. „Sahîhu’l-Câmi’“, Hadis no: 1493.

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