Sei ein Mandela

Egal, mit wem ich spreche. In den meisten Fällen erhält man auf Fragen wie „Wie geht’s?“ oder „Was machst du?“ Antworten wie „Momentan gar keine “ oder „Viel zu tun“. Auch mir ging es während des Studiums und auch bis vor kurzem so. Dann habe ich begonnen aktiv zu beobachten, womit ich meine verbringe. Was dabei herauskam? Was die Probleme und Lösungen dazu sind, versuchen wir hier zu analysieren.

Sowohl während der Arbeit als auch in meiner privaten Zeit habe zahlreiche Momente an jedem Tag entdeckt, in denen ich nichts oder überhaupt nichts Sinnvolles getan habe. Stattdessen habe ich prokastiniert oder mich mit abstumpfenden und völlig sinnfreien Videos auf sozialen Netzwerken abgelenkt. Seien wir doch einmal ehrlich. Geht es nicht uns allen so? Nachdem ich meinen Facebook Account gelöscht hatte, dachte ich befreit vom sozialen Ungetüm dieser Gesellschaft zu sein, doch dann ging es erst richtig los mit Youtube Videos. Bei anderen ist es die Playstation oder ein Dutzend Fußball Ligen, denen sie folgen müssen. Bei den Mädels sind es oft Serien oder Bloggerinnen, deren Leben sie verfolgen müssen wie eine Gruppe Kinder Tiere im Zoo beobachtet. Ziehen wir den Schlaf von unseren täglichen 24 Stunden ab, dann verbringen wir einen großen Teil unserer Freizeit mit sinnlosen Dingen, sind dann überrascht, wie schnell der Tag, die Woche, der Monat oder das Jahr vergangen sind und reden uns dann ein, dass wir viel zu tun haben, um unser Gewissen zu beruhigen.

In diesem Zusammenhang können wir viel von Nelson , dem ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, lernen. In diesem Beitrag wollen wir nichts über die stark heroisierten oder noch viel mehr kritisierten politischen Aktivitäten Mandelas lernen oder über seine Bestrebungen als mutiger Freiheitskämpfer lesen. Nein, denn während ich das erste Drittel seiner Autobiografie „Long Walk To Freedom“ laß, ist mir immer wieder sein scheinbar ambivalentes Verhältnis zu seiner Zeit aufgefallen. Aber warum? Während seiner Jugend studierte an mehreren Universitäten oder höheren Bildungseinrichtungen. Doch wurden viele seiner Ambitionen durch die damals vorherrschende Rechtslage einen Abschluss als Jurist zu erreichen vereitelt. Auf diese Weise kam es dazu, dass er seinen offiziellen Universitätsabschluss erst 1989, nach vielen Jahren der Apartheid, im Kampf gegen jene und 27 Jahren Haft erreichte. Kaum ein Mensch würde heute noch 27 Jahre darauf warten einen Abschluss zu erreichen, von dem er oder sie angeblich schon immer geträumt hat. Gleichzeitig war sich trotz seiner akademischen Bestrebungen nicht zu schade, um, wenn nötig, als Wachmann in Goldminen Johannesburgs zu arbeiten oder in Armut mit zahlreichen Menschen in einer Wohnung oder gar einem Zimmer zu leben.

Ich ging davon aus, dass am Ende meiner Doktorarbeit meine Ausbildung endgültig abgeschlossen sein würde. Ich dachte, dass ich mich dann dem Geld verdienen oder dem Aufbau eines Unternehmens widmen würde. Etwa 10 Jahre Hochschulbildung sollten ausreichend sein, dürfte man meinen. Schließlich, so mein bisheriges Denken, hätte ich damit mehr für meine Bildung getan, als der Durchschnitt unserer Gesellschaft. Und damit lernte ich beim Lesen von Mandelas Biografie meine erste wichtige Lektion. Es kann notwendig sein ungewöhnliche Wege zu gehen, um außerordentliche Dinge zu vollbringen. Ein Mensch, der über 30 Jahre seine Bestrebungen aufrechterhalten, um einen Universitätsabschluss zu erreichen hat zu allererst sich selbst und den Menschen um sich herum bewiesen sich nicht einfach abschütteln zu lassen, geduldig zu sein und nicht aufzugeben. Jeder andere von uns, und ich bin mir wirklich sicher, dass das für uns alle zutrifft, wäre nach so langer Zeit vermutlich froh alles andere zu tun, aber keinen Universitätsabschluss. Abstrahiert man dieses Beispiel etwas, lässt sich einfach ausgedrückt sagen, dass egal welches Ziel es ist, Zeit nicht der Faktor sein kann, der unseren Misserfolg rechtfertigt. Der einzig wahre Grund und der gesamte Ursprung unseres Erfolgs oder Misserfolgs sind wir selbst. Wir, unsere Einstellung zu Niederschlägen, unsere Motivation wieder aufzustehen, unsere Disziplin durchzuhalten, aber allen voran unser WILLE ein einmal gesetztes Ziel nicht mehr aus den Augen zu verlieren.

Jahre vergehen nicht auf einen Schlag. Sie sind eine Ansammlung von Monaten, Wochen, Tagen und Stunden. Über sein gesamtes Leben gesehen könnte man sagen, dass Mandela sich genügend Zeit genommen hat, um seine Ziele zu erreichen. Doch wie sah sein Alltag aus? Wie verbrachte er seine Zeit? Wie nutzte er seine Möglichkeiten? Die Antwort auf diese Frage ist der Hauptgrund für diesen Beitrag. Während sein Kampf gegen die Apartheid und das Erreichen seines Abschlusses Jahrzehnte seines Lebens in Anspruch nahm, lebte Mandela, zumindest nach meinem Eindruck, jeden Tag voller und . 24 Stunden schienen nicht genug zu sein, um seine Arbeit als Anwalt (Ließ sich mit einer Ausbildung ohne Studium praktizieren), seine Aufgaben im Afrikanischen National Kongress (ANC) im Kampf gegen die Apartheid, seine Familie und Freunde unter einen Hut zu bringen. Gleichzeitig trainierte er während seiner Zeit in Johannesburg bei nahe täglich mit seinem Sohn als Schwergewichtsboxer in heruntergekommenen Boxeinrichtungen mit schlechter bis gar keiner Ausrüstung. Fragen wir uns einmal selbst. Was tun wir abends nach der Arbeit. Noch einmal schnell für eine Stunde ins Fitnessstudio gehen? Ein Buch lesen oder gar schreiben? Etwas Soziales für die schwächeren in unserer Gesellschaft? Oder lieber auf der Couch liegen und bis zur Schlafenszeit Dauerstreamen?

Abgesehen von all diesen Aspekten finde ich jedoch zwei Aspekte aus Mandelas Lebens besonders beeindruckend. Während viele von uns heute im Informationszeitalter nicht einmal wissen, wer unsere Verteidigungsministerin ist, worum es bei der Debatte um den Verfassungsschutz geht oder warum deutsche Firmen trotz Aufhebung der Sanktionen immer noch keine Geschäfte im Iran tätigen können, gab Mandela alles dafür, auch während seiner mehrmaligen Aufenthalte im Gefängnis, seine Zeit damit zu verbringen politisch und gesellschaftlich aktuelle Themen zu verfolgen und zu lernen. Gleichzeitig hatte er in den Hochzeiten seiner ANC Aktivitäten ein ungewöhnliches Verständnis von Urlaub. Wir geben heute tausende Euros für All-Inclusive Trips ans Mittelmeer oder Südostasien oder oder oder aus, um uns von der ständigen Prokastination, die uns die Lebensenergie raubt, zu erholen. Ein Trip von Johannesburg zum 900 km entfernten Umtata, Mandelas Geburtsort, um Familie und Freunde wiederzusehen und Treffen mit Aktivisten der ANC zu organisieren, reichte Mandela um es einen „Urlaub“ zu nennen. Er verband Erholung mit dem Besuch der Familie und dem Kampf gegen das Apartheidsregime in Südafrika. Wir dagegen benutzen Apps, die uns davor hindern sollen während des Urlaubs andere Apps zu exzessiv zu nutzen, weil wir sonst keinen Weg kennen uns davor abzuhalten einen Großteil unserer Zeit an unseren Smartphones zu verbringen. Anschließend fühlen wir uns kaum erholt, weil wir nichts anderes getan haben als uns wie im Alltag zu Hause von elektronischen Geräten bestrahlen zu lassen und abzustumpfen.

Seit dem Buch habe ich damit begonnen Unnötiges gegen Wichtiges auszutauschen. Jeden Tag. Hier ein Beispiel. Ich schaue keine sinnlosen Youtube Videos mehr und beschäftige mich stattdessen damit gesünder zu kochen und zu essen, um einen gesünderen Körper zu haben. Jede Woche, jeden Monat versuche ich seitdem etwas Überflüssiges gegen etwas Notwendiges zu tauschen. Was machst du?

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